Klarstellung zur IGVM-Forderung nach Nettotarifen

Die aktuellen Veröffentlichungen zur IGVM-Forderung nach der flächendeckenden Einführung von Nettotarifen im KV- und LV-Bereich haben sehr unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen.

Hier eine kleine Auswahl der aktuellen Berichterstattung:

Daher haben wir hier zur Klarstellung noch einmal unsere Argumente und Antworten auf die häufigsten Fragen zu unserer Forderung zusammengefasst.

Worin sieht die IGVM die teilweise sehr heftigen Ablehnungen begründet?

Das hat u.E. wesentlich 3 Gründe:

Missverständnisse: Wir fordern ausdrücklich KEINE Ablösung des bewährten Courtagemodells durch die Honorarvermittlung. Die vom Versicherer (VR) zu zahlende Courtage ist und bleibt die Leitvergütung. Wir fordern, dass zusätzlich zu den üblichen Tarifen mit einkalkulierter Courtage echte Nettotarife zur Verfügung gestellt werden (müssen). So können Makler und Kunde von Fall zu Fall entscheiden, ob die Vermittlungsvergütung des Versicherungsmaklers vom Kunden direkt oder über die in den Prämien einkalkulierten Courtagen vom Versicherer gezahlt wird.

Auch darf man den Begriff der ‚Honorarvermittlung‘ (Vermittler schuldet Erfolg) nicht mit dem häufig strapazierten Begriff der ‚Honorarberatung‘ (Berater wird für den Aufwand vergütet) verwechseln.

 Angst vor einem Wandel: Aufgrund der Erfahrung mit der Honorarvermittlung in anderen Ländern, aber auch von sogenannten ‚Honorarberatern‘ in Deutschland, scheint die Befürchtung zu bestehen, dass die die Zahlung des Vermittlungsentgeltes durch den Kunden wenig Akzeptanz erfährt. Die Zielgruppe dafür ist derzeit sicherlich überschaubar. Daher fordern wir ja auch die Zurverfügungstellung von Nettotarifen parallel zu Courtagemodellen.

Wirtschaftliche und strategische Interessen anderer Marktteilnehmer: Einige Marktteilnehmer, insbesondere Finanzvertriebe und Versicherungsmaklerpools und deren Vertriebsbeauftragte profitieren von den Vermittlungserfolgen der geschäftlich verbundenen Versicherungsmakler. Durch eine flächendeckende Einführung von Nettotarifen sehen diese ihr Geschäftsmodell in Gefahr. Sie argumentieren dagegen und schüren unbegründete Ängste. Aber auch Versicherungsunternehmen verlieren mit Einführung von Nettotarifen und dem Wegfall der Notwendigkeit von Courtagevereinbarungen das wesentliche Machtinstrument zur Steuerung von unabhängigen Versicherungsmaklern.

Warum genau fordert die IGVM die Einführung von Nettotarifen?

Nach unserer Rechtsauffassung stellt die jetzige Prämienkalkulation, in der die Courtagen und Provisionen enthalten sind, eine unzulässige Preisbindung der „zweiten Hand“ dar. Dies verbietet die Richtlinie 330/2010 und ist auch durch die Gruppenfreistellungsverordnung (GVO) für die Versicherungswirtschaft nicht freigestellt worden. Es erscheint ja schon seltsam, dass nicht Versicherungsmakler und Kunde über Art und Höhe des Vermittlungsentgeltes entscheiden, sondern die Versicherungsunternehmen als Marktteilnehmer dieses vorschreiben. Versicherungsmakler und Kunde müssen über Art und Höhe der Vergütung entscheiden können.

Benachteiligt die Einführung von Nettotarifen kleine Versicherungsmaklerunternehmen?

Im Gegenteil! Nicht zuletzt aufgrund der aktuell erfolgten Kündigungen von Courtagezusagen (die eigentlich Vereinbarungen sind) im Rahmen der Neuordnung der Courtagen infolge des LVRG, versuchen Versicherer derzeit unverblümt ihre Marktmacht gegenüber den Versicherungsmaklern als unabhängigen Sachwalter ihrer Kunden zu festigen und diese ans Gängelband zu legen. Maklern, die diese einseitigen Vertragsvorgaben nicht akzeptieren und Änderungen wünschen oder schlichtweg nicht genug Umsatz bringen, werden die Courtagevereinbarungen kurzerhand gekündigt (siehe z.B. R+V und Helberg oder die Condor LV) und damit der Zugang zu den Tarifen und zum Markt verwehrt.

Gleichzeitig senken die Versicherer die Abschlusscourtagen deutlich. Wir befürchten, dass es zu einem Verdrängungswettbewerb zu Lasten kleinerer Versicherungsmaklerbetriebe kommen wird. Nettotarife und die Freiheit die Courtage mit dem Kunden selber bestimmen zu können sehen wir in diesem Kontext als Voraussetzung um langfristig den Marktzugang und die Überlebensfähigkeit sicherstellen zu können.

Was stört die IGVM an den aktuellen Courtagezusagen?

Zunächst einmal, dass es keine Zusagen sind, sondern Vereinbarungen, die von beiden Seiten zu unterschreiben sind. Diese Vereinbarungen werden einseitig von Rechtsabteilungen zum ausschließlichen Vorteil der VR aufgesetzt und der Makler hat diese zu unterschreiben, oder auch nicht. Änderungswünsche werden nicht akzeptiert, es sei denn, es handelt sich auf Seiten des Versicherungsmaklers um einen entsprechend großen Marktteilnehmer. Das Ganze geschieht dann nach Gutsherrenart: „Unterschreibe, oder Du bist raus!“

Partnerschaft sieht anders aus. Inhaltlich gäbe es da viel anzumerken, beginnend bei der unzutreffenden Rechtsstellung als Handelsmakler nach 93 HGB, über nachteilige Vergütungsregelungen bis hin zu vertraglichen Verpflichtungen auf Kodizes, Selbstverpflichtungen und zur vertraglichen und unentgeltlichen Übernahme von Verpflichtungen der Versicherer. Das Alles untergräbt die Stellung als unabhängige Sachwalter der Kunden.

An welche Versicherungsunternehmen richtet sich unsere Forderung?

Nach unseren Vorstellungen sollen auch solche Gesellschaften Versicherungsmaklern (abschlusskostenfreie-) Nettotarife anbieten, die ansonsten nicht mit freien Vermittlern zusammenarbeiten.

Nach dem Courtagemodell sollen sich Versicherungsunternehmen alternativ rechtsverbindlich dahingehend erklären, ob sie grundsätzlich mit Versicherungsmaklern zusammenarbeiten wollen oder nicht. Nicht zuletzt für die Marktanalysen ist dies von Bedeutung, denn bei der Tarif- und Angebotsfindung brauchen Versicherungsmakler solche Versicherer dann auch nicht zu berücksichtigen.

Sind Pools keine Alternative um den Marktzugang sicherzustellen?

Vielleicht kurzfristig betrachtet. Mittel- bis langfristig sehen wir auch bei Pools die gleiche Marktbereinigung mit den entsprechenden Abhängigkeiten für die kleinen Versicherungsmaklerunternehmen. Daher ist die Kooperation mit Pools für viele Versicherungsmakler sicherlich von Fall zu Fall sinnvoll, aber keine Garantie für einen dauerhaften und verlässlichen Marktzugang.

Es gibt aber doch schon viele Anbieter von Nettotarifen. Warum kommt jetzt die Forderung der IGVM?

Es werden von den VR aber leider nur vereinzelt Tarife als Nettotarife angeboten und manche entpuppen sich bei näherer Betrachtung auch noch als Mogelpackungen, weil nur die Provisionen/Courtagen herausgerechnet wurden. Unser Ziel ist es, dass die Versicherer Nettotarife flächendeckend und allen Versicherungsmaklern, unabhängig vom Bestehen einer Courtagevereinbarung anbieten müssen. Nur so können Versicherungsmakler den Verpflichtungen nach § 60 (1) VVG nachkommen.

In Brüssel findet bei der EU zurzeit eine Evaluierung der Gruppenfreistellungsverordnung (GVO) für die Versicherungswirtschaft statt und soll 2017 zu eventuellen Änderungen führen. Wir beabsichtigen uns als IGVM auch dort wieder meinungsbildend mit einzubringen, so wie wir dies bereits im Zuge der IMD II-Beratungen (jetzt als IDD bezeichnet), gemacht haben. Hier wollen wir darauf hinwirken, dass alle (!) VR , Versicherungsmaklern auf deren Anforderungen alle Tarife im Vertrieb als Nettotarife zur Verfügung stellen müssen.

Wessen Interessen vertritt die IGVM?

Derzeit vertreten wir ca. 150 Mitgliedsunternehmen, Tendenz stark wachsend. Das Spektrum reicht dabei von der Aktiengesellschaft, über mittelständische Kapitalgesellschaften bis hin zum Einzelunternehmen, die ihre Interessen gleichberechtigt in unsere Verbandsarbeit einbringen. Alle Mitgliedsunternehmen eint die Erkenntnis, dass gemeinsame Interessen nur von einem aktiven Maklerverband vertreten werden können und die Weichen für das Überleben der kleinen und mittleren Versicherungsmaklerunternehmen heute gestellt werden.


Die Stellungnahme können Sie hier herunterladen (PDF): IGVM-Klarstellung-Nettotarife


 

Erstellt von:
Uwe Wolff – Schriftführer – uwe.wolff@igvm.de

Uwe Wolff

Uwe Wolff  – Schriftführer

 

 


Ansprechpartner für Rückfragen und Presseanfragen:
Wilfried E. Simon – 1. Stellvertretender Vorsitzender – wilfried.simon@igvm.de

Wilfried E. Simon

Wilfried E. Simon – 1.Stellvertretender Vorsitzender

 

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