Mythos Cost-Average-Effekt

Mogeln mit Mathe

Dies ist der zweite Teil einer Artikelreihe, welche sich mit
dem Thema Altersvorsorge, speziell dem Thema Modellrechnungen beschäftigt. Ziel
ist es, dass die Tücken in der Modellrechnung erkannt werden, um dem Mandanten
keine falschen Versprechen zu geben oder später in die Haftung zu geraten, die
durch den „Beschiss“ Dritter verursacht wäre.

Der Autor Walter Benda ist spezialisierter Versicherungsmakler für Gewerbekunden und Altersvorsorge, Dozent bei verschiedenen Bildungsträgern wie der  dem Bund der Steuerzahler NRW sowie privaten Bildungsinstituten. Hier informiert er regelmäßig Verbraucher, wie man sich als Laie gegen die miesen Tricks von Banken und Versicherungen wehren kann. Als IGVM-Mitglied hofft er mit seiner Teilnahme an der fachlichen Information am Makler die Finanzkultur in Deutschland zu verbessern. Für Vermittler wie auch Verbraucher!

Der erste Teil der „Mogeln mit Mathe“-Reihe hatte das Thema Altersvorsorge und Modellrechnungsbetrug zum Thema.

-> Hier geht es zu Teil 1 <-

In Zeiten der Niedrigzinsphase suchen Anleger ständig nach Alternativen, um Ihr Geld zu vermehren. Fonds und Fondspolicen können eine Lösung sein, wohlbemerkt können. Das Problem ist, dass sich viele Mythen oder urbane Legenden um das Thema ranken. Ein Mythos ist der Cost-Average-Effect (kurz CAE), zu Deutsch Durchschnittskosteneffekt.

Vorurteile und Fehlannahmen

Oft wird der CAE als Allheilmittel angepriesen, der auf
simple Art und Weise die Komplexität der Finanzgeschäfte vereinfachen soll.
Gemeinhin wird behauptet, dass gleichzeitig Verluste ausgeschlossen werden
können während die Gewinnmarge erhöht wird. Das ist aber für fast alle
Szenarien schlicht falsch!

Ähnlich oft wird begründet warum Fonds oder Fondspolicen nur
wegen dem CAE sicher sein sollen. Auch das ist falsch und widerspricht allen
gängigen Portfoliotheorien. Die Fehlerhaftigkeit des CAE hat aber nichts damit
zu tun, dass Fonds- und Fondspolicen langfristig lukrativ und bis zu einem
gewissen Punkt auch sicher sind.

Bestimmt gibt es noch weitere Falschaussagen, aus Vereinfachungsgründen
wollen wir uns aber auf die Gängigsten beschränken.

„Szenario“

Im Prinzip gibt es sechs Szenarien, die auftreten können. Steigende, stagnierende sowie fallende Kurse, jeweils mit und ohne (große) Volatilität. Also gibt es:

  • Steigende, lineare Kurse Steigende, volatile Kurse
  • Stagnierende, lineare Kurse Steigende, volatile Kurse
  • Fallende, lineare Kurse Fallende, volatile Kurse

Die Quizfrage ist: In welchen dieser Szenarien gibt es einen
CAE?

Nur in jenen mit entsprechender Volatilität! Leider ist er
aber nicht immer gut, manchmal ist es sogar ein negativer CAE, der mehr Geld
vernichtet als es im Rahmen einer Einmalanlage geschehen wäre!

Natürlich gibt es auch bei linearen Kursen einen CAE, nur
ist sein mathematischer Effekt gleich null, weshalb gemeinhin vereinfacht wird,
dass er ohne Volatilität nicht existiert.

Nebenbedingung Volatilität

Vereinfacht ausgedrückt gilt, dass ohne Volatilität kein CAE-Gewinn möglich ist. Volatilität bedeutet aber immer auch Risiko. Das bedeutet bei Erwähnung des CAE muss automatisch ein[ Risiko eingeplant werden, womit die Argumentation des CAE per se unsinnig würde. Etwas kann nicht gleichzeitig sicher sein, wenn es Volatilität als Grundvoraussetzung hat! Je stärker die Volatilität, also je riskanter die Anlage, desto stärker kann der CAE ausfallen. Im Guten wie im Schlechten! Eine hohe Volatilität läuft der Risikoneigung der meisten Anleger zuwider, denn dieser wollen zumeist planbare Zahlungsströme generieren.

Fakt ist, dass je besser strukturiert ein Portfolio ist, je
geringer seine Korrelationen und je besser sein Hedging, umso geringer fällt
der CAE aus. Bis zu dem Punkt, wo er keinen Einfluss hat.

Kummulationseffekt

Wie stark wirkt sich der angebliche CAE denn auf mein
Vermögen aus? Vereinfacht ausgedrückt ist das eine Frage von Zeit und Höhe. Bei
einem Sparplan ist die erste Rate noch zu 100% ausschlaggebend, die zweite Rate
zu weniger als 100%. Rein auf das Geld bezogen wären die Raten jetzt bei 50:50,
da gleichwertig gewichtet.

Auf die zeitliche Rate bezogen wären es 1/nm zu 1/(nm-1), also fast identisch ausschlaggebend, wenn der Zeitraum (nm) lang genug ist.

Und, lieber Kollege, könntest Du jetzt einen Quotienten
dieser Zahlen bilden? Falls nein, nicht schlimm, ist auch nicht ganz einfach.
In der Folge solltest Du aber auch nicht mit etwas Argumentieren, dass Du nicht
vollends verstanden hast…

In Kurz: Je länger die Zeit und je höher das Vermögen, umso
weniger Einfluss hat die einzelne Rate. Da der CAE immer auf einen bestimmten
Ratenzeitraum betrachtet wird, verschwindet sein Effekt mit zunehmender
Anlagedauer bis zur Bedeutungslosigkeit. Ein Ausweg wäre ein dynamischer CAE,
z. B. durch variable Stopp-Loss-Grenzen, aber der ist „leider“ nicht
mehr einfach sondern wird komplexer.

Was ist ein dynamischer CAE?

Im Prinzip nichts anderes als eine dynamische Grenze, wobei
dynamisch heißt, dass bestimmte Regeln festgesetzt werden, nach denen sich die
Grenze bewegt. Das kann zum Beispiel eine wachsende Verlust-Schranke sein, z.
B. die Umschichtung in sichere Wertpapiere, wie sie z. B. bei vielen
ICCP-Modellen praktiziert wird.

Oder aber die Rate wird in Abhängigkeit von den Kursen
verändert, z. B. vermindert je stärker sie von bestimmten Höchst- oder Unterwerten
entfernt ist. Die Höchstgrenze wird oft „high watermark“ genannt
während die Untergrenze als „low watermark“ gilt. Entlehnt wurden Sie
von den Gebührenmodellen, wo diese Grenzen zuerst definiert wurden.

Auch eine Dynamik der Sparrate ist im entfernten Sinne ein
dynamischer Effekt. Besonders wichtig sind diese Dynamischen Grenzen bei
Entnahme- und Verzehrplänen. Denn diese funktionieren nur, so lange der
durchschnittliche kalkulierte Zinswert nicht in der Realität unterschritten
wird, denn dann wäre das Kapital vorzeitig aufgebraucht. Aber die Dynamisierung
der Rate schiebt das Problem nur auf, sie löst es nicht!

Ohne diese flankierenden Schutzmaßnahmen ist der CAE –
zumindest isoliert betrachtet – eine Falschberatung! Selbst in einem
Maßnahmenpaket ist der immanente Widerspruch von Sicherheit bei gleichzeitigem
Volatilitätsbedarf nicht zu rechtfertigen und muss offengelegt werden.

Skalierungsbetrug

Erschwerend kommt hinzu, dass wer mit dem CAE verkauft, oft (hoffentlich!) unwissentlich betrügt! Unabhängig von den o. g. Szenarien gibt es noch den Skalierungsbetrug, der ein mathematischer Hütchenspieler Trick ist. Den müssen wir als Makler sofort durchschauen können!. Diesen Trick könntest Du auf JEDES Szenario anwenden, um es positiv darzustellen. Mathematisch ist es nichts anderes als eine Hebelung der Rendite durch einen Vervielfältigungsfaktor. „Wo ist sein Bahnhof?“, dürfte es jetzt manchem durch den Kopf schießen. Die Auflösung ist einfach, wenn wir uns einige typische Verläufe angucken.

Auffällig ist, dass es bei fallenden Kursen einen Break-Even-Point gibt, an dem ich überproportional viele Anteile kaufen würde, denn es klappt nur, wenn der Kurs des Wertpapiers kleiner ist als meine Sparrate, weil der Vervielfältigungsfaktor dann größer eins würde. Beispiel: Der Kurs fällt von 10€ auf 5€, womit sich bei 100€ Sparrate die Anteile von 10 auf 20 verdoppeln. Ein Kursrückgang von 5€ ist bei einer gering kapitalisierten Gesellschaft aber nicht völlig abwegig.

Legen wir den exakt gleichen Kursverlauf bei 1.000€ Wertpapierkurs [fest, ändert sich bei steigenden und linearen Kursen nichts. Denn ob die 1.000€ jetzt auf 995€ sinken, ändert quasi nix an der Menge der gekauften Wertpapiere. Dass die 1.000€ sich auf 500€ halbieren, wie im oben genannten Beispiel, ist indes höchst unwahrscheinlich. Geschichtlich kam es vor ja, es war aber die Ausnahme.

Der Break-Even-Point, also jener wo Du überdurchschnittlich viele Anteile bekommst, wird nicht erreicht. Das hat mehrere Gründe! Zwar mag die prozentuale Änderung in beiden Fällen gleich sein , aber das Verhältnis von Beitrag zu Wertpapier-Kurs ist schlecht. Heißt, dass es in Eurocent viel mehr Schwankung braucht als bei kleinen Kursen obwohl der Prozentwert gleich ist.

Beispiel: Von 1.000€ auf 200€ ist der gleiche Prozentverlust wie von 100€ auf 20€. Aber es ist sehr viel wahrscheinlich er, dass die kleine Firma derartig viel Kurswert verliert – nämlich 80€ als dass die größere dieses Schicksal teilt, da diese dann 800 € Kurseinbuße bräuchte.

Das bestätigt auch wieder die Eingangsthese, dass für einen erfolgreichen CAE eine hohe Volatilität nötig ist, die automatisch das Risiko steigert. Vereinzelt wird von „artificial scarity“ gesprochen, wobei die Fachliteratur hier uneinheitlich in der Benennung ist. Ein wichtiger Kritikpunkt ist: Ein derart krasser Kursverlauf kann nicht so periodisch und gleichzeitig unbeobachtet sein! Mehrere Millionen Trader und ganze Hochhäuser voll Rechenkapazität prüfen im Bruchteilssekundentakt die Märkte auf derartige Ineffizienzen. Du könntest den CAE-Befürworter auch ketzerisch fragen warum es keinen erfolgreichen Fondsmanager gibt, der darauf seine Titelauswahl stützt?

Wenn wir bei den unten in der Grafik gezeigten, gleich verlaufenden, Kursen bleiben würden, dann ergäben sich ca. 200€ CAE-Mehrwert auf zwei Jahre. Nur leider bleibt dieser Mehrwert graue Theorie, da in der Praxis nur ein reiner Zufallstreffer…

Negativer CAE

„Wo Licht ist, da gibt es Schatten!“, lautet ein
deutsches Sprichwort. Wenn es also einen „guten“ CAE gibt, dann muss
es auch einen „schlechten“ CAE geben. Selbst ohne tiefe Mathekenntnisse
gibt es einen einfachen Trick.

Wenn Du ein Beispiel für einen positiven CAE hast, dann spiegele die dazugehörige Grafik einfach um 180° in der Vertikalen (also stell sie auf den Kopf aber behalte die Skalierung bei). Schon hast Du das ehemalige Pro-Argument mit sich selbst widerlegt. Denn obwohl der Kurs dann steigend wäre, würde am Ende in den meisten Fällen ein Verlust herauskommen. Probiere es einfach aus…

Zusammenfassung
Argumente gegen den CAE

  • Hohe Volatilität nötig, was ein Widerspruch zur Sicherheit ist
  • Bei hochpreisigen Wertpapieren kein Skalierungseffekt
  • Einfluss verliert auf Zeit an Bedeutung
  • Einfluss verliert mit zunehmendem Vermögen an Bedeutung
  • Es existieren bessere Methoden (z. B. Hedging) zur Portfolio-Stabilisierung
  • Wissenschaftlich vielfach als falsch wiederlegt

Praxistipps – Was tun?

Beratung gehört zum Alltag. Leider machen viele Banken und
Vertriebe das aber zur Nebensache und versuchen mittels platter Sprüche zu
verkaufen, bspw. mit dem CAE Effekt. Wann immer es um Fonds geht, kommt dieser
„Trick“ fast zwingend auf den Tisch. Jetzt kannst Du ihn widerlegen,
da ihm einige Denkfehler zu Grunde liegen. Damit solltest Du beim Gegenüber
ordentlich punkten können. Auch die persönliche Bindung zum Berater fällt
schnell, wenn der Anleger erkennt, dass er einem Abzocker oder Idioten
aufgesessen hat. Es gibt Lösungsansätze, die angeboten werden können:

  • Lösungsansätze anstatt des CAE
  • Diversifikation, Diversifikation, Diversifikation
  • Risikomaß und Verlustgrenze definieren
  • Dynamische Stopp-Loss-Grenzen festlegen
  • Hedging (= Aufbau einer Gegenposition)
  • Flop-5-Strategien vermeiden (sich von Verlierern trennen)

An sich ist dem Anleger schon damit geholfen, dass Du ihm
ehrlich sagst, dass es kein sogenanntes „Gratismahl“ (Englisch
„free lunch“) gibt. Keine einfache Lösung hat auf Dauer und bei jedem
Szenario funktioniert. Wie auch? Dafür ist unsere Welt zu komplex. Biete dem
Anleger eine ehrliche Beratung oder hole dir einen Kooperationspartner ins
Boot, der das kann. Dem Anleger ist ja schon damit geholfen, wenn Du diese
jahrzehntealte Vertriebslüge gerade biegst!

-> Jetzt Teil 1 lesen <-

Informationen zum Autor Walter Benda

Walter Benda arbeitet seit über 15 Jahren als Versicherungsmakler und Finanzdienstleister aus der Nähe von Köln. Er hat eine mehrere akademische sowie praktische Qualifikationen und tritt regelmäßig als Gastredner im TV, Fachmagazinen sowie als Dozent auf. Auch im Rahmen des Verbraucherschutzes, beispielsweise als Fachreferent beim Bund der Steuerzahler. In Zusammenarbeit mit seinem Netzwerk bietet er Kollegen fachlichen Rat und berät Privat- sowie Gewerbekunden.

#IGVM-Zukunft gemeinsam gestalten

Walter Benda

Walter Benda


Posted in Fachinformation, Lebensversicherung / Altersvorsorge

IGVM-Forum

Hier geht es zum IGVM-Forum!

Kategorien